Aktivitäten, Engagement

Allianz für Weltoffenheit – Unser Schreiben

Sehr geehrte Unterzeichner,
mit großem Respekt und Wohlwollen haben wir dieser Tage Ihren Aufruf gelesen. Die dargelegten Stellungnahmen und Forderungen entsprechen sehr genau dem Ansinnen, mit dem wir selbst angetreten sind – wenn auch in deutlich kleinerem Maßstab, als Sie dies zu tun vermögen.
Hervorgehend aus dem ‚Netzwerk Asyl‘, einem Zusammenschluss ehrenamtlicher Helfer in Wiesloch bei Heidelberg, haben wir vor gut einem Monat einen Verein gegründet, der sich der Integration zu uns kommender und bereits gekommener Menschen sowie der Minderung sozialer Schranken verschrieben hat. In unserer Satzung heißt es …
„Der Zweck des Vereins ist die Förderung des sozialen und kulturellen Austauschs sowie die Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Nationalität oder Religion. Im Vordergrund stehen dabei der Abbau von Vorurteilen und die Förderung gesellschaftlicher Vielfalt durch die Vermittlung von Werten wie Toleranz und Menschlichkeit. Dabei wird in besonderem Maße Wert gelegt auf die Akzeptanz des Individuums und den respektvollen Umgang untereinander.“
‚Café Mokka‘ haben wir den Verein genannt, weil wir eine Begegnungsstätte für alle Menschen unserer Stadt betreiben und eine Tasse Kaffee oder Tee als Momentum des Verschnaufens und Ankommens erkannt haben – ebenso wie als Anker einer beginnenden Kommunikation zwischen sich noch fremden Menschen. Unser Projekt wird angenommen, wie sind voller Tatendrang und Ideen und erkennen sehr wohl die Probleme, welche der große Zustrom von Menschen mit sich bringt. Dahingehend sind wir weitgehend frei von blauäugiger Hurra-Willkommenskultur und darum hoffentlich besser gefeit vor Enttäuschungen. Gleichzeitig öffnet sich der Blick für die Schwächen in der Abarbeitung der sich stellenden Aufgaben – von Krise zu sprechen lehnen wir ab, da unser Land ausreichend Substanz und Fähigkeiten hätte, würde es nur seine Möglichkeiten nutzen und mehr Mut zeigen.
Und an dieser Stelle kommen wir zu unserem Anliegen / unseren Fragen.
Wie schaffen wir die Verzahnung der zwei mächtigen Bewegungen, als da sind:
  1. Tausende von Organisationen, Initiativen, lose Zusammenschlüsse von Ehrenamtlichen oder Einzelpersonen erbringen nach wie vor eine überwältigende Leistung zur Versorgung und Betreuung der Migranten vor Ort. Uns kommt es vor, als trügen sie nahezu allein Last und Verantwortung, weil die staatlichen Institutionen auch nach fast einem Jahr des Ansturms ihre Kapazitäten kaum erhöht und ihre Kompetenzen kaum abgesprochen zu haben scheinen.
    Jede dieser Organisationen muss jedoch letztlich wirkungslos bleiben, weil Ideen und Ratschläge aus der täglichen Arbeit kaum in die öffentliche Verwaltungsarchitektur hinein diffundieren. Ob dies aus Unvermögen staatlichen Handelns heraus geschieht, diese Impulse aufzunehmen, oder aber aus Unwillen, um die eigenen Defizite zu verdecken, sei dahingestellt. Dabei erkennen wir an, dass wiederum unzählige MitarbeiterInnen der Verwaltung ihrerseits das Menschenmögliche tun – dennoch gibt es in einer noch nicht näher bestimmten Ebene des Apparats eine Diffusionssperre. Absolut undurchlässig. Es fehlen Akteure, die federführend aus dem Satz der Kanzlerin zuerst die Umrisse eines Bildes zeichnen, um im zweiten Schritt Farben und Pinsel nebst eindeutiger Anweisungen zur Fertigstellung zu verteilen.
  2. Intellektuelle, Künstler, Kirchen und Verbände geizen nicht mit statements zur Lage. Sie kreiden an, stellen fest und fordern. Das ist richtig und wichtig, sind es doch in Tagen völlig verunsichert, aber auch plan-, mut- und meinungslos auftretender Politiker der demokratischen Parteien die einzigen Stimmen, die eindeutig und hörbar auf Basis des Grundgesetzes und des abendländischen Wertekanons das Wort ergreifen. Und doch muss ein Aufruf wie der Ihre als bloße Mahnung verhallen. Warum? Weil auch er auf einen Transmissionsriemen angewiesen ist, der aus Forderungen Taten und aus Bildern neue Gedanken werden lässt. Der den verantwortlich Handelnden Mut zum Widerstand gibt gegen eine laute Minderheit, welche sich anschickt, die schweigende Mehrheit hinwegzuschreien. Der einer schweigenden Mehrheit die Frage stellt, ob sie in ihrer Agonie verharren oder endlich für ein lebenswertes Land einstehen möchte.
Wie also schaffen wir den Zangenschluss dieser beiden Strömungen, die aufgrund ihres Engagements, ihrer Ideen und der Reichweite ihrer Verlautbarungen stark genug wären, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen? Indem diese Bewegungen Politik und Verwaltung in ihre Mitte nehmen, am Kragen packen, kurz schütteln und fragen, ob sich deren Selbstverständnis darin erschöpft, verbale Scharmützel der ideologischen Leere und des unaufhaltsamen Machtverfalls abzuliefern. Oder ob es vielleicht doch einen tieferen Auftrag gibt, ausgesprochen von Volk und Grundgesetz. Mit dessen Umsetzung unser Land den gegenwärtigen Zustand als Chance begreift. Als Chance, in einer chaotischen Welt einen Pfeiler von Verlässlichkeit und Menschenwürde einzurammen. Als Chance, unsere europäischen Nachbarn von der Lösbarkeit schwieriger Aufgaben zu überzeugen. Als Chance für unsere wirtschaftliche Zukunft. Und als Chance, die radikalen und nicht lösungsorientierten Kräfte im Land ihrer vermeintlichen Strahlkraft zu berauben.
Ihren Aufruf werden wir auf unserer homepage cafemokka.org unseren Lesern zur Verfügung stellen. Wir freuen uns, wenn unser positives Votum Sie in Ihrem Ansinnen unterstützt. Gerne dürfen Sie diesen Brief auch veröffentlichen.
für den Vorstand
Jürgen Wagner

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