Engagement, news

Zusammenstehen vs. zusammen stehen

Hallo liebe Leute,

ganz schön viel los da draußen in der Welt in diesen Zeiten.

Das Morden geht weiter – in Syrien, in Afghanistan und anderswo. Menschen verlassen ihre Heimat, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten. Um irgendwo eine Chance auf ein Weiter zu haben. Sofern sie noch etwas besitzen, verkaufen sie es und bezahlen mit dem Erlös diejenigen, die ihnen den Weg in dieses Irgendwo versprechen. Von denen, die es nach Europa schaffen, landen viele in der nächsten Hölle. Zum Beispiel im Lager Moria auf Lesbos (aktuell 17.000 Menschen). Oder – bis zur Räumung im Dezember 2019 – im Lager Bihac in Bosnien, wo Tausende auf einer ehemaligen Mülldeponie vegetierten. Oder oder oder. Und wir reden hier nur über die Menschen, die es schon nach Europa geschafft haben.

Und die anderen? Etwa 3,5 Millionen Syrer sollen seit Beginn des Bürgerkriegs in die Türkei geflohen sein. Die wäre Erdogan gerne los, wenngleich viele dieser Flüchtlinge wohl keine rosige Zukunft in einem wieder vollends Assad-dominierten Land haben dürften. Über eine Millionen Menschen stehen in der Provinz Idlib mit dem Rücken zur Wand. Und diese Wand ist: die türkische Grenze.

Was geschieht in Afghanistan, wenn die USA irgendeinen miesen Deal mit den Taliban machen, der ihnen einen vordergründig gesichtswahrenden Abzug erlaubt? Ich glaube nicht, dass die Massen überall dort schreien „Ich will nach Europa!“. Aber wenn sich ihnen eine Chance bietet, werden sie wohl gehen.

STOPP!

Stellt sich bei euch auch das Gefühl ein, dass sich so gar nichts geändert hat? Dass die oben beschriebenen Zustände auch aus dem Jahr 2015 stammen könnten?
Und es ist wohl auch so: es hat sich nichts geändert.

Außer, dass die Grenzen weitgehend dicht sind und wir uns den Umständen verschließen können. Die Tagesschau können wir ausschalten, wenn die bösen Bilder kommen. Die Verdummungs-Talkshows bringen ohnehin keine Erhellung und den „Arte-Führerschein“ haben auch nicht alle von uns. Ist doch so viel angenehmer, als konfrontiert zu sein mit Tausenden auf einer ungarischen Autobahn auf dem Weg nach Wien oder Hunderten in einer vernotquartierten Sporthalle. Nichts hat sich geändert. Dort draußen vor den Festungsmauern. Dort nicht.

Aber hier drin hat sich etwas verändert. Wir haben uns in einen flauschigen Kokon einwickeln lassen, der uns im Glauben lässt, dass die Welt nach 2015 nicht noch einmal zu uns kommt. Wir alle – nicht nur unsere PolitikerInnen – haben viel dafür getan, dass die Hetzer und Menschenfeinde die Klappe halten, in dem wir laut oder stillschweigend ihre Forderungen erfüllen. Aber sie haben nicht ihre Klappe gehalten. Sie haben immer lauter geschrien. Und diejenigen, denen Schreien nicht mehr genug war, haben sich Waffen besorgt. Denn was einer sagt, muss ja auch einer tun. Brandanstifter und Brandleger. DAS HAT SICH GEÄNDERT!

Und nun? Wie kommen wir aus der Nummer raus?
Aufeinander zugehen, heißt es gerne, müsse man. Wer sein Gegenüber oder sein Nebenan kenne, könne nicht hassen. Das unterschreibe ich genau so – aber wie lernt man sich kennen?
Gestern, 26.02.2020, Mahnwache auf dem Adenauerplatz in Wiesloch anlässlich der Morde von Hanau. Einige hundert Menschen allerlei Ursprungs. Ein genialer, ein geschenkter Moment, um sich die Hand zu geben. Zu der vielleicht türkischstämmigen Familie vor mir gehen, Hand ausstrecken und sagen: Hallo, Nachbar. Und dann spricht man ein paar Sätze, erzählt sich, warum man gerade jetzt an diesem Ort ist. Vielleicht trifft man sich mal auf der Straße, erkennt sich, grüßt sich. Das wiederum sieht ein Dritter, der davon beeindruckt ist… so könnte es gehen.
Ich bin den Schritt gestern noch nicht gegangen, aber die Schwelle ist schon niedriger.

Ich traf auf dem Platz einen unserer Mokka-Besucher, der letzte Woche nach der Arbeit auf ein Ruftaxi angewiesen war, weil kein Bus mehr zu seinem Wohnort fuhr. Sein Fahrer erzählte ihm, dass einer der Toten in Hanau sein Cousin gewesen sei. Zack! Und plötzlich saß die Welt neben ihm auf dem Fahrersitz. Die Morde waren nicht mehr ein fernes Erlebnis aus den Nachrichten, sondern plötzlich sehr konkret.

Die Welt und ihre Geschehnisse kommen zu uns und wir können sie verstehen, wenn wir offen sind. Wenn wir zuhören und uns für sie interessieren. Aber seid gewiss: sie kommt auch zu uns, wenn wir uns nicht interessieren. Dann jedoch werden uns die Ereignisse entgleiten, weil wir nichts mehr verstehen und nichts mehr gestalten können.

Wenn wir alle den einen, den ersten Schritt aufeinander zugehen, dann wissen wir voneinander. Dann haben wir eine Basis, um uns zu verstehen oder miteinander zu streiten. Um Verstehen zu streiten, um Verständnis zu streiten ist Millionen Meilen weit entfernt von hassen.